Die widerspenstige Figur

Es war einmal ein alter verbitterter Herr,

dessen Herz war so kalt und so leer.

Er hatte eine große 

Zinnsoldatenfigurensammlung,

die gehorsam ausführte jegliche, 

befohlen starre Handlung.

Auf einem eigens angefertigten, 

gewaltigen Kriegsschauplatz,

gab der Herr die Recken hin, 

mit großem Vergnügen seiner Todeshatz.

Am Ende jeden Gefechtes, 

stand aufrecht nur noch er, ihr Herr.

Denn sein machthungriges, invalides Wesen,

genoss diese Siegeslüge sehr.

Eine kleine trommelnde Soldatenfigur, 

mit verblassenden Farben,

wollte nicht mehr den Takt anschlagen, 

für den Kampf im Todesgraben.

Sie war so oft gestorben, in fiktiven Schlachten, 

bei fingiert detonierenden Kanonenschallen,

das ihr das Sterben schon hatte fast angefangen,

gut zu gefallen. 

In Reih und Glied zum bewaffneten Aufmarschieren,

das Heer gemacht bereit,

da fühlte diese ausgediente Figur, 

nun war zur Fahnenflucht gekommen, ihre Zeit.

Sie ging weit über ihre unbeweglichen, 

Grenzen und Schranken

und griff an, von den unerwartet, 

regungslosen Flanken.

Auch wurde diese kleine 

Zinnsoldatenfigur,

gegossen vom Despoten nur,

als gehorsame Kriegernatur.

Sie wollte nicht mehr leben, 

als Marionette im vereidigten Schwur,

geführt von der unsichtbar sie lenkenden, 

nur den Tod bringenden Meisterschnur.

Der Wunsch der Freiheit, 

brachte ihre zinnern Brust zum schmelzen

und die Figur wurde in der Brandung der Helden,

zum hellsten Felsen.

So groß der Wille, der sie trugt durch ihre Stille, 

das sie begann zu wippen,

um endlich allein, aus freien Stücken,

statuettenhaft umzukippen.

Sie lag am Boden stumm gefallen, 

vor der Brüder leblos Füße.

Der Herr brummig lächelnd: 

„Na warte du kleiner Deserteur und dafür büße.“

Für ihn es übel, 

nach Feigheit und Verrat miefte,

darum er eine Prise Schnupftabak, 

in jedes Nasenloch still schniefte. 

Des Kriegsmeisters Pläne, 

wohl die Schwerkraft durchkreuzte,

er sie wieder aufstellte und sich aus der Nase, 

den fiesen Beigeschmack schnäuzte.

Doch als er das Taschentuch 

aus seiner Hand beiseite legte, 

er sich fürchterlich beim Anblick, 

ihres erneuten Falles erregte.

„Das darf doch nicht real sein, 

du kleiner wankelmütig Knecht,

dich umzuwerfen dazu habe nur ich, 

dein Herr und Meister, das hoheitsvolle Recht.“           

Das Kammerspiel wiederholte und wiederholte 

sich, den halben Nachmittag.

Er stellte sie auf, sie fiel um, so dass der Herr, 

ermüdet und genervt aufgab.

Bis zur weiteren Klärung packte er sie 

an ihrem metallischen Schlafittchen

und warf sie in die Dunkelheit, 

eines Arrest-Schuhkarton-Kittchens.

Am nächsten Tag die Figur 

fand immer noch nicht ihren festen Stand.

Vor lauter Zorn ballte sich blutleer, 

des Meisters faltig und knochig Hand.

Dann, nach vielen Tagen und Nächten, 

kam dem Selbstgerechten die Idee,

bevor sein Krieger beim aufmarschieren mutlos fällt, 

wird der Soldat lieber an die Verrätermauer gestellt.

Da dürfte er vor dem Erschiessungskommando, 

gerne feige seinen Geist aushauchen

und während dieser disziplinarischen Lektion, 

die Musketen auf dem Schlachtplatz rauchen.

Eine kleine Mauer er am Abend davor, 

eifrig doch akribisch erbaute.

Vor sie gestellt die standhaftesten Musketiere, 

denen er in ihrem Eid vertraute.

Der Tyrann vor der Hinrichtung, sich schon gebannt fragte, 

wie die Figur sich wohl unterwürfig, auf die Knie beuge?

Ja, auf diese Exekution, freute sich feurig,  

der erbarmungslose Richter und ungeduldige Zeuge.

Mit zwei Fingern hielt er sie fest an der Mauer 

und ließ sie in seiner Todesorder los.

Doch was nun geschah, kein Fall war, 

darum machte kalte Erstarrung sich in ihm groß.

Kein Wippen und Kippen, 

er wollte sie so gerne in den Schmelzkessel schnippen,

aber leider vor dem kleinen Rebellen, 

seine Finger so zitterten, wie frierende Lippen.

Denn zum zweiten Male entschied sie sich, 

stehen zu bleiben, wurde ihre Pflicht.

Ungläubig mit versteinerten, entgeisterten Zügen in seinem Gesicht, 

der alte Herr flehte: 

„Oh bitte, dieses Feigherz richt“ 

Doch sie stand aufrecht, ihre Brust vor ihm felsenfest, 

unbeugsam voller Mut erhoben,

durch den Kriegstreiber Hilflosigkeit und Unvermögen, 

im Wechselspiel laut tobten.

Gewissenlose Wut und jämmerliche Not, 

verfärbten seinen ganzen Kopf, violet und scharlachrot.

So innig er sich doch wünschte, 

seinen heroisches und siegreiches Geheiß, für ihren Tod.

Aber nun musste er zweifeln, 

an seinem despotischen Blick,

denn dieser kleine Lakai, stellte in Frage, 

sein tyrannisches Geschick.

Wie ein kleines Wunder stand unverzagt, 

vor dem Diktatoren, völlig frei und aufrecht, der Zinnsoldat.

Und bewies, das niemals mehr in einem Gefecht,

er werden wird sein Knochenknecht.

Wie viele Haare der Nichtgewalthaber, 

hatte vor Machtlosigkeit, sich auch ausgerissen,

den  kleinsten aller Meuterer, selbst nach Stunden, 

kein Ungleichgewicht, hatte zu Boden geschmissen.

Du guter kleiner, couragiert stehender Zinnsoldat, 

du verweigertest dich dem Kriegsapparat,

du drehtest selbst an deinem Schicksalsrad 

und vollendetest die autonome Tat.

Der alte Herr und ignorante selbsternannte Meister, 

gab sein Hobby grimmig auf,

denn eine ihm unbekannte Macht, 

bestimmte den Ablauf.

Alle Figuren, bis auf  die Eine, waren in Kartons und Kisten 

verstaut und verstaubt,

denn diese Eine zu berühren, hat die entmachtete zitternde Hand, 

sich nie mehr getraut.

Auch blieb die widerspenstige Figur scheinbar, 

in dem umstürzenden Treiben nur stumm,

so war es doch der stimmlose Freiheitsruf, 

das sie zuerst und dann nicht mehr fiel um;

Wenn einmal unsere Ideale, 

werden hinter Augenbinden gefesselt und gezwängt,

ja sogar ein Todestribunal, unsere Freiheit der Herzen, 

mit Furcht und Leid bedrängt.

Es sind die fessellosen Entscheidungen, 

die uns zum Dissidenten Menschen adaptieren.

Jeder hält es in der eigenen Hand, 

zügellos im passiven Widerstand, denkwürdig und friedsam,

weiter zu existieren.

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