Für‘s kranke Kinde

Der Vater wirft den dicksten Holzscheit

in des Kamins Glut,

das Feuer zischend wie ein Ungeheuer

verzehrt des Baumes Brut. 

Armes Licht so flackernd schlicht

will halten fest zur seligen Ruh. 

So ist‘s geborgen bis zum Morgen 

erhoffen zwei Seelen, 

das nicht der schwarze Wanderer, 

dem die lebendig Augen fehlen, 

ihrer Lenden Frucht wird nächtens stehlen.

Von Mutters bebend Brust genährt 

das kranke Kinde.

Der Hütte Balken knarren laut 

im stärksten Winde.

Der Schnitter mit Fieber seine Sense zieht,

dem armen Tropfe langsam 

in aller Stille so sein Leben flieht.

Der Vater muss, 

er muss sein Bündel packen,

die Mutter ihrem geliebtem Mündel Wickel machen.

Ihre größte Bitte an die Ewigkeit,

dass ihr Kinde nicht 

vom letztem Schlafe wird gefreit. 

Doch dort draußen stürmt die kalte Nacht, 

der Winter eisig übers Bergland wacht. 

Der Schnee, er türmt sich mauerhoch,

einen Weg muss bahnen der Vater in seiner Not.

Das Tal seit vielen Tagen 

ist schon ohne Pfad 

und somit abgeschnitten 

von des Arztes Hand und seinem Rat. 

Der Schnee zu tief, zu lang das Areal vom Tal. 

Drum mögen Gottes Engel ihn geleiten, 

denn über den Pan Berg er muss schreiten.

Seine Spanne wäre nur von kurzer Dauer, 

doch dort auf schmalen Steg 

der Fehltritt liegt auf seiner Lauer. 

Der Mutter Augen voller Sorgen, voller Kummer, 

ihre Seele betend vor des Kindes fiebrig Schlummer.

Ganz fromm, ganz hold, lässt sie sich ihren Glauben 

von lähmender Angst nicht rauben.

Vorm Aufbruch 

der Atem tief, sein Leib ist stark. 

Das Bündel verschnürt 

fest in der Hand seinen Stab.

Ein kurzes Nicken, eine Träne

die Wiederkehr ersehnend.

Die Türe auf und ohne ein Zögern 

fällt zurück sie ins Schloss. 

Geschwind voran geht er 

hinaus in den eisigen Frost.

Ein Schal aus Wolle in tiefster Liebe warm gestrickt, 

fest gebunden vors Gesicht, 

denn erfüllen muss er seine Pflicht.

Der Schnee so schwer wie nasses Laub, 

der Sturm so laut, die Ohren taub.

Seinen Stab in der Hand, 

er sich Schritt für Schritte den Wege bahnt 

zu des Nordwestgrates Mitte.

Ein Innehalten, ein kurzer Blick zurück, 

die Spur verweht die Nacht zu dicht, so trüb wie ein See aus Teer, 

er sehen kann des Hauses warmes Licht nicht mehr.

Weiter, nicht stehen bleiben, immer weiter,

so endlos, so weit, so kurz die Zeit, so großes Leid.

Mit jedem Tritt er näher kommend zu dem Pfade, 

der auf den Berg sich zieht 

wie eine lang gezackte Narbe.

Nach Stunden über Stunden er den Gebirgsrücken endlich erreicht. 

Der Gipfel so hoch, so hoch, 

scheinbar bis über den Himmel hinaus sich ihm zeigt.

Doch welch selig Glück, die Steine 

und Felsen, sie sind nicht vereist.

Der Sturm, er peitscht ihm bitterkalte Nadeln ins Gesicht. 

Die Dunkelheit verschluckt der letzten Sterne Licht.

Seine Zehen beim Erklimmen, 

er wie kalt zerbrechendes Glas nur spürt, 

sein Aufgang ihn immer weiter und weiter bis zur Zinne führt.

Der Schmerz, er krümmt ihm seine zitternd Hand,

zur Umkehr zwingen will ihn der Verstand.

In seinem kühnen den Berg hinauf schreiten, 

Gedanken an den Tod ihn schwer begleiten.

Dennoch sein Herz wird bis zum Letzten gehen, 

nie und nimmer wird er bleiben stehen.

Mit jedem weiteren Stieg, 

sein kochend Blut fühlt sich wie Höllenglut,

mit jedem weiteren durch die brüchige Schneedecke stampfen,

seine Muskeln übersäuern und verkrampfen.

Wohl auf, vollbracht in dieser schicksalshaften Nacht, 

des Berges Spitze ist erreicht.

Sein Bündel fühlt sich etwas leichter, auch war es nicht leicht. 

Nun ward endlich sein Gang gen Himmel beendet,

als hinter dem Berge die langsam aufgehende Sonne 

in aller Stille ihn blendet.

Ein befreiender Odem erfüllt seine Brust,

weil er dem Martyrium 

seiner dunkelsten Schatten entkam

und sich nach manchem Zweifel 

wieder auf seinen Glauben 

besinnt voller Scham.

Oh hab Dank, oh Herr, 

fürs Wachen über meinen Stab 

mit seinem Halt, er gab mir Kraft 

zu wandern durch die finstere Nacht.“

Der alte Witwensteig nach unten 

von einem Augenblick zum anderen  

tut sich, wie ein Zeichen, vor ihm im Morgenlichte auf.

Nun kein Übermut hier in seinem Lauf 

und keine falsche Eile 

spannt sorgsam er die Sicherungsseile. 

So hoch, so tief, im Kopf jetzt keinen Schwindel, 

sonst wäre kurz der unglückselige Sturz. 

Am Fuße der Klippen, der Totengräber Schippen

würden nicht hören sein letztes Rufen, sein letztes Bitten. 

Drum lief ihm, der Schweiß, im glänzendem Eis.

Die Angst vorm Hall seines freien Fall

ließ das Seil ihn fester, immer fester schnüren 

seine Hände kaum mehr spüren.

Ungeachtet blieb sein Blick konzentriert,

der Abstieg nun gut ist, so wie sein Mut ist.

Er nach unten fortwährend steigt mit festen Fuße, 

um zu retten was von seinem Blute.

Vor ihm liegt der Felswand letzter Meter,

nun ist es nicht mehr weit zu seines Kindes Wohltätern.

Der Sonne Lauf steht jetzt am Höchsten,

da hört im Hain vorm Dorfe 

als erstes er die Orgelflöten.

Der Engel Trompeten erhörten mein Beten.“

Die Sonntagsmesse in vollem Gange 

als eintritt er im Lobessange.

Der Seelenhirte still, 

die Gemeinde verstummte,  

als vor ihnen steht 

der Eis-Vermummte.

Seine Worte 

durch den sakralen Orte hallen, 

als würden Sterne auf die Erde fallen.

Keine Zeit für Fragen! 

Hört, hört, 

was über den Berg mich trieb 

euch hier zu sagen.

Die Frau vorm Kinderbette betend weint, 

auf den Arzte wartend, 

der uns neu vereint.“

Der Vater, der Ehemann, 

vorm Altar einen Atemzug lang, ganz tief 

mit seinen Augen absucht des Kreuzes Motiv. 

Oh welch Barmherzigkeit in Christi’s Malen ruht.“

Als er hört, was die  Gemeinde ruft:

Wir helfen dir so gut, wie Gott uns schuf.“

Die eine Hälfte selig ins Für-Gebet versunken 

auf der Suche nach dem Hoffnungsfunken.

Während die anderen derweil hart wuppen, 

das Schneegespann aus des Pfarrhauses Schuppen.

Der schnellste aller Pferdeschlitten, 

der nur bei Geburten wird beritten, 

damit die werdend Mütter nicht lang litten.

Gespannt davor jetzt noch zwei wilde Heißblüter, 

schwarze Hengste, kraftvoll 

werdend zu des Kindes Hütern.

Heißer Atem dampft aus ihren Nüstern,

als sich ihre Mähnen wüst aufplustern

und ihre Hufe schaben ungestüm im Schnee.

Sie warten sehnsuchtsvoll auf den Ruf: Auf geht‘s!“ 

Des Müllers junger Knecht 

sich auf den Bocke schwingt, 

in seiner Hand erzitternd jetzt die Peitsche singt. 

Als sich endlich die Pferde dürfen aufbäumen, 

ihre Mäuler schäumen.

Im Schnee, das Zischen der blanken Kufen,

im Herzen des Vaters, seiner Liebsten Rufen.

Zeit und Raum möchte seine Seele 

jeden Augenblick lang krümmen,

um sofort nah zu sein, diesen so über alles geliebten Stimmen.

Vater, Arzt und Knecht unter den Fellen von Lämmern,

könnten erreichen das Haus noch vorm Dämmern.

Des Arztes Tasche klappert voll Phiolen und Ampullen

mit Salben und Tinkturen. 

Die Peitsche knallte, als sie um den Bergkamm 

durch die klammen Schluchten fuhren.

Und als hätten tausende Engel 

den Weg von jeglichen Hindernissen frei gekehrt,

der Pferdeschlitten über die schneebedeckten Hänge 

weiter an seinen Zielort fährt.

Der gute Knecht so auf dem Bocke wütet

als wenn in ihm die Seel´ verglühte.

Gepackt, geschafft, bewältigt, 

das Haus erspähen ungeduldig Augen in der Ferne. 

Die Natur und die Gewalten

versuchten sie nicht aufzuhalten.

Die Sonne rot vorm Untergehen, 

wird er sein Kinde lebend wieder sehen?

Aus dem Schlote ziehen wie kleinste Wölkchen weiße Schwaden,

dem Manne ganz bang wird es in seinem Magen.

Vom Schlitten den die Drei beritten,

bevor das Gespann 

kommt überhaupt zum Stehen

und als folge er nur 

seiner Sehnsucht marternd Flehen,

springt er mit einem Schwung, 

so wie im Flug,

gleich einem Engel, 

der auf seinen Schwingen 

ihn zu Boden trug.

Mit hastigen Atem tief in seiner Lunge, 

sein Herz, es pocht so stark, so schnell.

Die Tür geöffnet, das Licht wird grell.

Seine Frau am warmen Herde 

hat nicht ankommen gehört die feurig Pferde.

Kaum bewegt vor Erstaunen sie ihre Lippen, 

suchen verzweifelt seine Blicke sein Kinde. 

Dort ist es 

und liegt viel zu friedsam in der Krippe.

So still! Ist‘s Schlaf? Ist‘s Tod? Welch bange Not!

Als er die kleine Brust beim Atmen 

sich langsam wieder heben sieht,

das Schwarz aus seiner Seele zieht.

Die Hände vorm Gesicht bricht dankbar er zu Boden:

Oh lasst uns all den Herrn jetzt loben.“

Seine Frau verspürt vollkommenstes Glück, 

denn ihr Liebster ist wohlauf und heil gekehrt zu ihr zurück.

Voller Freudentränen in der Wiederkehr sie sich umarmen, 

beide überglücklich, dass geleitet wurden sie durch die Gefahren 

von des Himmels Engelscharen.

Zu Gott er seine Stimme voller Demut richtet: 

Hab Dank oh Herr,

das unser Heim nicht in der Dunkelheit versunken

und unsere Dreisamkeit vernichtet.“

Der Arzt inzwischen untersucht am Kindchen 

schon Dies und Das. 

Voll Erleichterung er atmet auf, 

es ist nun letzten Endes wohl geschafft.

Der Wickel, den die Mutter machte, 

das Fieber aus dem Kreislauf brachte.

Der Knecht des Müllers tritt währenddessen ein, 

ist froh zu sehen keine Tragödie, keine Pein

und denkt schon 

an der Freudenfeier kräftig Wein.

Der Arzt den Mann noch untersucht,

als er verwundert aber freudig:

 Verflixt und zugenäht!“ laut flucht.

Kein Haar, kein Finger, kein Zeh 

ward ihm erfroren. 

Des Arztes Lächeln ging 

bis zu seinen üppig rot geformten Ohren.

Er gibt noch ein paar Fläschchen 

mit Kräutern mild zur Ruh, 

das Kindlein in seinem Bettchen, 

hat sanft die Äuglein zu.

In des Arztes Augen mag mancher noch 

ein Lichtlein sehen,

als er beim Gehen blieb kurz sagend stehen:

Diese wahre Liebe von euch beiden,

ach ja mmh, ich wünscht hier wäre ich Bub.“ 

Dann verließen ganz leis‘,

der Knecht, der Arzt mit einem letztem Seufzer 

die glücklich warme Stub‘.

So erzählt oft noch eine Mutter, ein Vater,

am Bett eines kranken Kindes,

die Geschichte von Vaters Stab und Mutters Wickel. 

Denn Geborgenheit vermag,

nicht nur all den kranken Kindern, 

selbst das höchste Fieber zu mindern

und die schlimmsten Schmerzen, auch zu lindern.

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