Die geistarm Fehde

An einem kristallenen Bach, liegt eine kleine, so beschauliche Stadt
und das stetig fließende Gewässer, dreht unaufhörlich des Mühlhauses Rad.
In der Mitte dieses schönen Städtchens, knistern alltäglich,
aus dem Schlot der Bäckerei, jeden Morgen in der Früh die Ofenbrötchen.
Ich könnte jetzt von Frieden und Idylle Euch erzählen,
würde nicht schon seit unzähligen Jahren, das Ende einer Debatte, hier fehlen.

Denn zwischen dem Bäcker und dem Müller herrscht die Fehde,
durch wenn das Volke, in diesem Orte,
wohl am ehesten bestehe und so auch lebe.
Es mag polemisch sich anhören,
wodurch sie die Ruhe der Gemeinschaft störten.
Denn jeder von ihnen, in diesem Wiederstreit, war fest davon überzeugt,
dass der Andere seinen Standpunkt irgendwann noch schwer bereut.

Vom runden Tisch aus dem Wirtshaus,
trug sich dieser Streit zum ersten Mal, weit über Flur und Tal.
Zuviel der feuchtfröhlich Laune und überschwänglicher Gefühle,
da folgen schnell auch mal, die schweren Eichenstühle.
Auch geht es jetzt ein kleines bisschen gesitteter zu,
aber hier herrscht noch lange keine Ruh.
Denn Müller und Bäcker immer noch auf ihren hohen Rössern ritten
und sich zänkisch, unaufhörlich, stur nur weiter heiser stritten.

Es rollte doch der schwere Mühlstein, schon all zulange durch die kleine Stadt.
Denn am Stammtisch gab’s nach vielen Krügen,
nur immer neu gestimmte Rügen.
Selbst dem hartgesottenen Wirt verging das Lachen, denn durch dieses,
kalte Atmosphäre schaffen, konnt’ schlecht er nur noch Umsatz machen.
Auch war es dem Pastor, schon lange ein Dorn in seinem Auge,
doch er auf die Selbsterkenntnis seiner Schäfchen, voller Demut hoch vertraute.
In ihrem Wetteifern, ständig geifern, vergaßen sie,
sind doch beide ihres Handwerks Meister.
Hier ein paar, von ihren Allüren,
dieser nur sich selbst beweihräuchernden Lebensschwüre:

„Meine Hände tiefe Schwielen haben, von dem ständig schwere Säcke tragen.“
,keift bissig der Müller.
„Jede Nacht um Zwei klingt mir der Wecker“
,schnauft wutentbrannt dazu der Bäcker.
„Wer füllt denn hier dem Bürger seinen Magen“
,muss streitsüchtig der Müller ihm laut sagen.
„Ohne all die Köstlichkeiten, die ich aus deinem Mehl bereite,
würde niemand deinen Namen kennen“
, entgegnet überspitzt der Bäcker.
„Niemand! Niemand kann es sehen, täglich und zu allen Zeiten,
muss ich allein, den Mühlstein weiter auf den Körnern treiben,
um dir dein Mehle zu bereiten.“
„Ha, Ohne das Brot, das, ja das am Morgen gibt allen ihre Kraft,
du niemals hättest das geschafft!“
„Nein ich, durch mich!“, “Nein ich, durch mich!“.
Entgegneten sie stur, schonungslos und unaufhörlich immer weiter sich.

Nun aber genug gehört von der Empörung,
der Schönheit dieses kleinen Städtchens Störung.
Die Geschichte hätte wahrlich, ein bitter böses Ende noch genommen,
wäre da nicht in der Tat, der Tag der Wandlung, bitterernst,
mit der Sense leisem Zisch gekommen.
Denn dem Mühlstein versiegte der Nährgrund,
dem Müller ging sein Getreide aus.
Nun konnte beim besten Willen er, auch den Bäcker,
nicht mehr mit seinem Manufakt beliefern.
Drum fuhr der Bäcker, mit glühender Stirn, zu seinem Widersacher
an die Mühle raus.
Ja, alle Säcke waren, blieben leer und niemand fand ein Körnchen mehr.

Mit geballter Faust, wollt er den Kontrahenten, eine kräftig feine,
nicht zu große, aber auch nicht zu kleine, Ohrfeige einschenken.
Denn eines war ihm klar, dass dies nur,
die reinste Schikane von dem Sackverwalter war.
Doch vor der Mühle steht schon mit gesenktem Haupt der Müller,
ganz bleich als währ ihm schlecht,
das bringt den Bäcker, für einen Moment ab,
von seinem Recht auf das Gefecht.
Nun ja, es war die eben von dem Nachbarn noch erfahren, neuste Trauerkunde,
denn Vorgestern schlug des Bauern, letzte Abendstunde.

Die beiden standen stumm, nur Blick in Blick,
zum ersten mal seid Ewigkeiten, bewusst des anderen Geschick.
Denn ohne Roggen, Weizen; Gerste, war’s egal, wer ist der Erste.

Einige stille Tage nach des Bauers vorzeitigem Lebensende,
folgte unverhofft die, von dem Städtchen, schon so lang erwartete Wende.
Denn am Grab des Bauern, die Beerdigungsgäste tief trauern.
Alle rückten ganz nah zueinander, jede Träne, mit Abschiedstrauer voll getränkt
und doch wurden zu dieser wehmutvollen Zeit,
all die armen Seelen, mit Nähe und Verbundenheit, so reich beschenkt.
Nachdem der Sarg sanft gelassen in die Grub und jeder noch sein Kreuz
von Stirn zu Brust und Bauche schlug,
der Pastor den Müller und den Bäcker zu sich lud.

Er schaute ernsthaft in ihre bubenhaft wirkenden, wie leicht verschüchterten Gesichter.
Und so wurde er doch noch nach geraumer Zeit, zum lang ersehnten Friedensschlichter:

„Auch wollt ich dies schon immer sagen,
konnte euren Zwiespalt kaum ertragen.
So muss doch von Innen her, erst der Nährgrund stimmen,
damit meine Worte können wahrhaft zu euch dringen.
Auch könnt ich jetzt erzählen, dass der Bauer bestimmte eures Tages- Lauf!
Aber lebt hier tatsächlich jeder nur vom Brot allein,
wie arm und traurig, würd‘ dann denn unser aller Leben sein?!
Wer scheißt denn, täglich all den Dung fürs Feld,
ist dadurch nicht jeder Arsch, in dieser Stadt ein Held?
Ja Brüder, nun, wer kultivierte all die Samen, damit sie immer größere Ähren,
uns zur Ehre tragen, und geschah nicht sowieso alles nur in seinem Namen!“

Der Pastor mit dem Fingerzeig nach oben:
„Kommt lasst uns, nun zusammen die Gemeinschaft loben!“

Ehrfürchtig vor all des Herren Gaben, beschlossen sich Müller und Bäcker,
danach an einem Gerstensaft zu laben und endlich zu vertragen.
„Ohne dich mein Guter!“, „Nein ohne dich mein Bester“,
„Nur zusammen bestimmt sich unser Los,
Dank dem Bauern, ja, zum Wohle prost!“
„Auch prost zum Trost, na dann mal prost.“
Versöhnlich fortan blieb es und auch nach langen Zeiten,
die Beiden hört man nimmermehr miteinander streiten.
Denn nach der Grabrede, sie legten bei, ihre geistarm Fehde.

 

 

 

 

 

 

 

Abseits

Im schattigen Abseits

mit lautlosen Pranken und düster Gedanken,

pirschen neben uns her,

wie ein lauernder Jäger, hungernd und mehr.

Die namenlos Leeren,

deren Gelüste sich von den Verirrten nur zehren.

Aber nicht nur fletschend Raubtiere,

durchziehen 

die Lichtfernen, die Lichtnahen, 

Bereiche und Zonen.

Auch Wächter dem dem Räuber verwand, 

als ständiger Begleiter,

diesen dunklen Pfaden innewohnen.

Sobald sich eine

dieser gefräßigen Schattengestalten lichtet,

weil sie ein Opfer konnte umherirrend erspähen,

dann muss der Gejagte,

in die Augen der Finsternis sehen. 

Wenn da nicht, ja wenn da nicht,

ein Hüter der Gerechtigkeit wäre,

ein freier Geist

wie aus einer himmlischen Spähre.

Der zum Schutze armer Seelen,

sich spürt berufen,

denn die warmen Kammern seines Herzen,

ihn zum Helden erschufen.

Er wird sich ohne ein zögern,

zwischen das fletschende Maul und dessen Happen stellen,

darüber hinaus sein Licht erfüllter Blick

wird den Schatten erhellen.

In seinem Angesicht spiegelt sich

jeder Stern unseres Himmels wieder,

Mut hebt verwegen an

seine Augenlider.

Viele Narben muss er

durch diese Präsenz ertragen,

oft wird er die Einsamkeit

seiner eigenen Existenz erfahren.

 

Auch lebt er ein Dasein

in der Dunkelheit auf der abgewandten Seit‘,

so gibt er doch den Armen, den Unschuldigen,

stets Schutz und Geleit.

Wenn ich nun das Bild eines greisen,

kampferfahrenen Hirtenhundes vor mir sehe.

Ich mit meinen nächsten Schritten,

ohne Furcht etwas freier weiter gehe.

Mein Herz gerührt von so viel Mut,

von so viel Treue.

selbst im Abseits zu gehen,

für diesen Augenblick, ich mich nicht mehr scheue.

Hoffnung und Kraft gütig erschafft,

in mir sein umnachtetes Leben,

denn die Finsternis vermochte ihm nicht,

die Wahrheit, seiner ureigensten Seele zu nehmen.

So viele Werte, in so viel Verzicht

und alles über allem

zum Ende erfüllt von Ruhe

und umgeben von Licht.

Mmmh…

Inspiriert er auch dich?

Für‘s kranke Kinde

Der Vater wirft den dicksten Holzscheit

in des Kamins Glut,

das Feuer zischend wie ein Ungeheuer

verzehrt des Baumes Brut. 

Armes Licht so flackernd schlicht

will halten fest zur seligen Ruh. 

So ist‘s geborgen bis zum Morgen 

erhoffen zwei Seelen, 

das nicht der schwarze Wanderer, 

dem die lebendig Augen fehlen, 

ihrer Lenden Frucht wird nächtens stehlen.

Von Mutters bebend Brust genährt 

das kranke Kinde.

Der Hütte Balken knarren laut 

im stärksten Winde.

Der Schnitter mit Fieber seine Sense zieht,

dem armen Tropfe langsam 

in aller Stille so sein Leben flieht.

Der Vater muss, 

er muss sein Bündel packen,

die Mutter ihrem geliebtem Mündel Wickel machen.

Ihre größte Bitte an die Ewigkeit,

dass ihr Kinde nicht 

vom letztem Schlafe wird gefreit. 

Doch dort draußen stürmt die kalte Nacht, 

der Winter eisig übers Bergland wacht. 

Der Schnee, er türmt sich mauerhoch,

einen Weg muss bahnen der Vater in seiner Not.

Das Tal seit vielen Tagen 

ist schon ohne Pfad 

und somit abgeschnitten 

von des Arztes Hand und seinem Rat. 

Der Schnee zu tief, zu lang das Areal vom Tal. 

Drum mögen Gottes Engel ihn geleiten, 

denn über den Pan Berg er muss schreiten.

Seine Spanne wäre nur von kurzer Dauer, 

doch dort auf schmalen Steg 

der Fehltritt liegt auf seiner Lauer. 

Der Mutter Augen voller Sorgen, voller Kummer, 

ihre Seele betend vor des Kindes fiebrig Schlummer.

Ganz fromm, ganz hold, lässt sie sich ihren Glauben 

von lähmender Angst nicht rauben.

Vorm Aufbruch 

der Atem tief, sein Leib ist stark. 

Das Bündel verschnürt 

fest in der Hand seinen Stab.

Ein kurzes Nicken, eine Träne

die Wiederkehr ersehnend.

Die Türe auf und ohne ein Zögern 

fällt zurück sie ins Schloss. 

Geschwind voran geht er 

hinaus in den eisigen Frost.

Ein Schal aus Wolle in tiefster Liebe warm gestrickt, 

fest gebunden vors Gesicht, 

denn erfüllen muss er seine Pflicht.

Der Schnee so schwer wie nasses Laub, 

der Sturm so laut, die Ohren taub.

Seinen Stab in der Hand, 

er sich Schritt für Schritte den Wege bahnt 

zu des Nordwestgrates Mitte.

Ein Innehalten, ein kurzer Blick zurück, 

die Spur verweht die Nacht zu dicht, so trüb wie ein See aus Teer, 

er sehen kann des Hauses warmes Licht nicht mehr.

Weiter, nicht stehen bleiben, immer weiter,

so endlos, so weit, so kurz die Zeit, so großes Leid.

Mit jedem Tritt er näher kommend zu dem Pfade, 

der auf den Berg sich zieht 

wie eine lang gezackte Narbe.

Nach Stunden über Stunden er den Gebirgsrücken endlich erreicht. 

Der Gipfel so hoch, so hoch, 

scheinbar bis über den Himmel hinaus sich ihm zeigt.

Doch welch selig Glück, die Steine 

und Felsen, sie sind nicht vereist.

Der Sturm, er peitscht ihm bitterkalte Nadeln ins Gesicht. 

Die Dunkelheit verschluckt der letzten Sterne Licht.

Seine Zehen beim Erklimmen, 

er wie kalt zerbrechendes Glas nur spürt, 

sein Aufgang ihn immer weiter und weiter bis zur Zinne führt.

Der Schmerz, er krümmt ihm seine zitternd Hand,

zur Umkehr zwingen will ihn der Verstand.

In seinem kühnen den Berg hinauf schreiten, 

Gedanken an den Tod ihn schwer begleiten.

Dennoch sein Herz wird bis zum Letzten gehen, 

nie und nimmer wird er bleiben stehen.

Mit jedem weiteren Stieg, 

sein kochend Blut fühlt sich wie Höllenglut,

mit jedem weiteren durch die brüchige Schneedecke stampfen,

seine Muskeln übersäuern und verkrampfen.

Wohl auf, vollbracht in dieser schicksalshaften Nacht, 

des Berges Spitze ist erreicht.

Sein Bündel fühlt sich etwas leichter, auch war es nicht leicht. 

Nun ward endlich sein Gang gen Himmel beendet,

als hinter dem Berge die langsam aufgehende Sonne 

in aller Stille ihn blendet.

Ein befreiender Odem erfüllt seine Brust,

weil er dem Martyrium 

seiner dunkelsten Schatten entkam

und sich nach manchem Zweifel 

wieder auf seinen Glauben 

besinnt voller Scham.

Oh hab Dank, oh Herr, 

fürs Wachen über meinen Stab 

mit seinem Halt, er gab mir Kraft 

zu wandern durch die finstere Nacht.“

Der alte Witwensteig nach unten 

von einem Augenblick zum anderen  

tut sich, wie ein Zeichen, vor ihm im Morgenlichte auf.

Nun kein Übermut hier in seinem Lauf 

und keine falsche Eile 

spannt sorgsam er die Sicherungsseile. 

So hoch, so tief, im Kopf jetzt keinen Schwindel, 

sonst wäre kurz der unglückselige Sturz. 

Am Fuße der Klippen, der Totengräber Schippen

würden nicht hören sein letztes Rufen, sein letztes Bitten. 

Drum lief ihm, der Schweiß, im glänzendem Eis.

Die Angst vorm Hall seines freien Fall

ließ das Seil ihn fester, immer fester schnüren 

seine Hände kaum mehr spüren.

Ungeachtet blieb sein Blick konzentriert,

der Abstieg nun gut ist, so wie sein Mut ist.

Er nach unten fortwährend steigt mit festen Fuße, 

um zu retten was von seinem Blute.

Vor ihm liegt der Felswand letzter Meter,

nun ist es nicht mehr weit zu seines Kindes Wohltätern.

Der Sonne Lauf steht jetzt am Höchsten,

da hört im Hain vorm Dorfe 

als erstes er die Orgelflöten.

Der Engel Trompeten erhörten mein Beten.“

Die Sonntagsmesse in vollem Gange 

als eintritt er im Lobessange.

Der Seelenhirte still, 

die Gemeinde verstummte,  

als vor ihnen steht 

der Eis-Vermummte.

Seine Worte 

durch den sakralen Orte hallen, 

als würden Sterne auf die Erde fallen.

Keine Zeit für Fragen! 

Hört, hört, 

was über den Berg mich trieb 

euch hier zu sagen.

Die Frau vorm Kinderbette betend weint, 

auf den Arzte wartend, 

der uns neu vereint.“

Der Vater, der Ehemann, 

vorm Altar einen Atemzug lang, ganz tief 

mit seinen Augen absucht des Kreuzes Motiv. 

Oh welch Barmherzigkeit in Christi’s Malen ruht.“

Als er hört, was die  Gemeinde ruft:

Wir helfen dir so gut, wie Gott uns schuf.“

Die eine Hälfte selig ins Für-Gebet versunken 

auf der Suche nach dem Hoffnungsfunken.

Während die anderen derweil hart wuppen, 

das Schneegespann aus des Pfarrhauses Schuppen.

Der schnellste aller Pferdeschlitten, 

der nur bei Geburten wird beritten, 

damit die werdend Mütter nicht lang litten.

Gespannt davor jetzt noch zwei wilde Heißblüter, 

schwarze Hengste, kraftvoll 

werdend zu des Kindes Hütern.

Heißer Atem dampft aus ihren Nüstern,

als sich ihre Mähnen wüst aufplustern

und ihre Hufe schaben ungestüm im Schnee.

Sie warten sehnsuchtsvoll auf den Ruf: Auf geht‘s!“ 

Des Müllers junger Knecht 

sich auf den Bocke schwingt, 

in seiner Hand erzitternd jetzt die Peitsche singt. 

Als sich endlich die Pferde dürfen aufbäumen, 

ihre Mäuler schäumen.

Im Schnee, das Zischen der blanken Kufen,

im Herzen des Vaters, seiner Liebsten Rufen.

Zeit und Raum möchte seine Seele 

jeden Augenblick lang krümmen,

um sofort nah zu sein, diesen so über alles geliebten Stimmen.

Vater, Arzt und Knecht unter den Fellen von Lämmern,

könnten erreichen das Haus noch vorm Dämmern.

Des Arztes Tasche klappert voll Phiolen und Ampullen

mit Salben und Tinkturen. 

Die Peitsche knallte, als sie um den Bergkamm 

durch die klammen Schluchten fuhren.

Und als hätten tausende Engel 

den Weg von jeglichen Hindernissen frei gekehrt,

der Pferdeschlitten über die schneebedeckten Hänge 

weiter an seinen Zielort fährt.

Der gute Knecht so auf dem Bocke wütet

als wenn in ihm die Seel´ verglühte.

Gepackt, geschafft, bewältigt, 

das Haus erspähen ungeduldig Augen in der Ferne. 

Die Natur und die Gewalten

versuchten sie nicht aufzuhalten.

Die Sonne rot vorm Untergehen, 

wird er sein Kinde lebend wieder sehen?

Aus dem Schlote ziehen wie kleinste Wölkchen weiße Schwaden,

dem Manne ganz bang wird es in seinem Magen.

Vom Schlitten den die Drei beritten,

bevor das Gespann 

kommt überhaupt zum Stehen

und als folge er nur 

seiner Sehnsucht marternd Flehen,

springt er mit einem Schwung, 

so wie im Flug,

gleich einem Engel, 

der auf seinen Schwingen 

ihn zu Boden trug.

Mit hastigen Atem tief in seiner Lunge, 

sein Herz, es pocht so stark, so schnell.

Die Tür geöffnet, das Licht wird grell.

Seine Frau am warmen Herde 

hat nicht ankommen gehört die feurig Pferde.

Kaum bewegt vor Erstaunen sie ihre Lippen, 

suchen verzweifelt seine Blicke sein Kinde. 

Dort ist es 

und liegt viel zu friedsam in der Krippe.

So still! Ist‘s Schlaf? Ist‘s Tod? Welch bange Not!

Als er die kleine Brust beim Atmen 

sich langsam wieder heben sieht,

das Schwarz aus seiner Seele zieht.

Die Hände vorm Gesicht bricht dankbar er zu Boden:

Oh lasst uns all den Herrn jetzt loben.“

Seine Frau verspürt vollkommenstes Glück, 

denn ihr Liebster ist wohlauf und heil gekehrt zu ihr zurück.

Voller Freudentränen in der Wiederkehr sie sich umarmen, 

beide überglücklich, dass geleitet wurden sie durch die Gefahren 

von des Himmels Engelscharen.

Zu Gott er seine Stimme voller Demut richtet: 

Hab Dank oh Herr,

das unser Heim nicht in der Dunkelheit versunken

und unsere Dreisamkeit vernichtet.“

Der Arzt inzwischen untersucht am Kindchen 

schon Dies und Das. 

Voll Erleichterung er atmet auf, 

es ist nun letzten Endes wohl geschafft.

Der Wickel, den die Mutter machte, 

das Fieber aus dem Kreislauf brachte.

Der Knecht des Müllers tritt währenddessen ein, 

ist froh zu sehen keine Tragödie, keine Pein

und denkt schon 

an der Freudenfeier kräftig Wein.

Der Arzt den Mann noch untersucht,

als er verwundert aber freudig:

 Verflixt und zugenäht!“ laut flucht.

Kein Haar, kein Finger, kein Zeh 

ward ihm erfroren. 

Des Arztes Lächeln ging 

bis zu seinen üppig rot geformten Ohren.

Er gibt noch ein paar Fläschchen 

mit Kräutern mild zur Ruh, 

das Kindlein in seinem Bettchen, 

hat sanft die Äuglein zu.

In des Arztes Augen mag mancher noch 

ein Lichtlein sehen,

als er beim Gehen blieb kurz sagend stehen:

Diese wahre Liebe von euch beiden,

ach ja mmh, ich wünscht hier wäre ich Bub.“ 

Dann verließen ganz leis‘,

der Knecht, der Arzt mit einem letztem Seufzer 

die glücklich warme Stub‘.

So erzählt oft noch eine Mutter, ein Vater,

am Bett eines kranken Kindes,

die Geschichte von Vaters Stab und Mutters Wickel. 

Denn Geborgenheit vermag,

nicht nur all den kranken Kindern, 

selbst das höchste Fieber zu mindern

und die schlimmsten Schmerzen, auch zu lindern.

Der gehorsame Uniformierte

Brav marschierten wir in den Bombenhagel,

jeder Schritt als wäre er festgenagelt.

Des Trommlers Schläge,

verstärkten die patriotische Rede,

die unser Hauptmann vor uns las, 

denn ein Brief, 

von seinem Weibe war´s.

Er sagte nach diesen Abschiedszeilen, 

bevor wir bebend, 

von dem Kriegsplatz eilen,

das wir nicht für unsere Freiheit kämpften,

sondern für deren, 

die uns Liebe schenkten. 

Geblendet von den vielen Orden,

so jung, 

ich vertraute seinen Worten

und war bereit in den Kampf zu ziehen,

gegen die Gesichtslosen Horden.

Die Bajonette aufgespannt, 

der Unterdrückung Widerstand.

Ruhm und Ehre, ein Andenken im Glanze,

hielten wir der Gerechtigkeit’s Lanze.

Befleckter Regen am Tag danach,

so mancher Kamerad seinen Verletzungen, 

schreiend,

in der Nacht erlag.

Meine Augen mit zitterndem Blick,

sahen und erkannten, 

des Gefechtes grausam Geschick.

Das Gewissen zerschnitten, 

von der Gewehre Licht,

nicht abwenden können, 

vom Fleisch die Sicht.

In den Ohren das Raunen, 

von den Gefallenen blieb,

mit unseren Streitäxten

mit jedem Hieb,

erzwangen wir den Sieg.

Denn mit der Dunkelheit ich ritt, 

wie ein Apokalyptischer Reiter, 

von seinem Feuerross, ich stritt.

In meinem kühlen Atem, 

verlor ich mich, 

als ich lächelnd durch das Meer, 

der besiegten Leiber schlich.

Mein Stillet, ist mir zerbrochen, 

an dem, ich in den Kopf gestochen.

Metallisch riecht die Luft, 

des Todes blutig Duft. 

Ich wünscht meine Lektion, 

hätte mein Herz nicht geblendet erlernt

und eine göttliche Revision, mir würde gewährt. 

In dieser wäre ich desertiert, 

frei von Erkennungszeichen, ich hätt‘ existiert.  

Ich hatte, ich habe, vorher 

gelernt Fragen zu stellen, 

wusste das nur Selbstbestimmung, 

ist der Weg des erhellen

und doch, 

nicht nur die Norm, 

zog mir an meine Uniform.

Leider, ich es viel zu spät bemerkte, 

was die gehorsam Ausführung, 

von Befehlen barbarisch mich lehrte. 

Das hinter ihnen, 

die Kälte, mein Wesen vermummte

und meiner Seele Einklang ,

mit meinem Herzen, verstummte.

Mein verbranntes Gesicht, 

kennt jetzt nur die eine Pflicht:

Das es den Lebensschwur, niemals mehr,

auf euren Schlachtfeldern, bricht.

 

 

Der kleine Apfel

So denn“  sagte er  sich.

Ein  kleiner Apfel,  gab seinen Traum

einen neuen Raum,  er  nabelte sich  ab 

und fiel vom seinem Baum.

Als  er zum  ersten mal frei da Unten lag,

alleine im  Gras

er  seine  neue  Situation,  wie ein  spannendes  Buch

aufgeregt las

Seine  Brüder und Schwestern

die  auch zu Fallobst geworden

waren schon von  den  Vögeln  zerpickt 

und zerfressen  von Ameisen  Horden.

Sie  legten  vor der Welt

ihr  höchstes  Gut bereit

denn ihr  Samen,  war  von seiner Hülle

zur  Vollendung  still befreit

Der kleine Apfel  aber  hatte

große Furcht  vorm  sterben

er wollte  nicht nur, ein  Transportmittel

für sein  inneres Gehäuse  werden

Was aber konnte  er  nur  tun

er brauchte  Zeit

um sich  vorbereitend  auszuruhen

Seine  letzen Glockenschläge

ihm immer  schneller  entrannen 

und von innen heraus,  die Kammern,  

zu  faulen begannen

Es  war ihm  recht dass die  Süße 

und frische  vergoren

ja  fauliger  Duft,  ihm  langsam  drang 

durch  seine Poren

Denn so hatte er immer  noch

die  scheinbare Möglichkeit

zu warten  auf  den Zeitpunkt,

bis er sich fühlte  zur  Hingabe bereit

Sein festes  Fleisch

wurde müde und dunkel

auf  seiner verschrumpelten  Haut

kein Sonnenstrahl,  mehr  funkelt

Sein nicht  preisgebender Unmut

der in  ihm höchsten  Güter

verschreckte der um ihn  stehenden

Bäume  Gemüter

Laut knistern,  ungestüm  raschelnd

mit ihren  Meeren von  Blättern

wurden sie zu  seinen

ihn  motivierenden Rettern

Er gab nach dem inneren Druck

ließ  seine  Hülle zerbersten 

und durch einen tiefen Riss,  gebar  er

aus  seinen Kammern,  den  Ersten

Dieser  Samen hatte  welch Wunder

in ihm  so lang  geschützt

geboren einen grünen  Spross

nach  der Erfüllung  seiner Berufung

sein  müdes  Fleisch  zu Erde  zerfloss

Der kleine  Apfel war  Mutter

war  Vater,  war Hülle 

und still wurde  er  zur Stille

Er war nur ein freier  Fall

eines Raumes im  Raum

der konnte  werden  von  einem Samen

zum  nächsten

fest  verwurzeltem  Baum

 

Die widerspenstige Figur

Es war einmal ein alter verbitterter Herr,

dessen Herz war so kalt und so leer.

Er hatte eine große 

Zinnsoldatenfigurensammlung,

die gehorsam ausführte jegliche, 

befohlen starre Handlung.

Auf einem eigens angefertigten, 

gewaltigen Kriegsschauplatz,

gab der Herr die Recken hin, 

mit großem Vergnügen seiner Todeshatz.

Am Ende jeden Gefechtes, 

stand aufrecht nur noch er, ihr Herr.

Denn sein machthungriges, invalides Wesen,

genoss diese Siegeslüge sehr.

Eine kleine trommelnde Soldatenfigur, 

mit verblassenden Farben,

wollte nicht mehr den Takt anschlagen, 

für den Kampf im Todesgraben.

Sie war so oft gestorben, in fiktiven Schlachten, 

bei fingiert detonierenden Kanonenschallen,

das ihr das Sterben schon hatte fast angefangen,

gut zu gefallen. 

In Reih und Glied zum bewaffneten Aufmarschieren,

das Heer gemacht bereit,

da fühlte diese ausgediente Figur, 

nun war zur Fahnenflucht gekommen, ihre Zeit.

Sie ging weit über ihre unbeweglichen, 

Grenzen und Schranken

und griff an, von den unerwartet, 

regungslosen Flanken.

Auch wurde diese kleine 

Zinnsoldatenfigur,

gegossen vom Despoten nur,

als gehorsame Kriegernatur.

Sie wollte nicht mehr leben, 

als Marionette im vereidigten Schwur,

geführt von der unsichtbar sie lenkenden, 

nur den Tod bringenden Meisterschnur.

Der Wunsch der Freiheit, 

brachte ihre zinnern Brust zum schmelzen

und die Figur wurde in der Brandung der Helden,

zum hellsten Felsen.

So groß der Wille, der sie trugt durch ihre Stille, 

das sie begann zu wippen,

um endlich allein, aus freien Stücken,

statuettenhaft umzukippen.

Sie lag am Boden stumm gefallen, 

vor der Brüder leblos Füße.

Der Herr brummig lächelnd: 

„Na warte du kleiner Deserteur und dafür büße.“

Für ihn es übel, 

nach Feigheit und Verrat miefte,

darum er eine Prise Schnupftabak, 

in jedes Nasenloch still schniefte. 

Des Kriegsmeisters Pläne, 

wohl die Schwerkraft durchkreuzte,

er sie wieder aufstellte und sich aus der Nase, 

den fiesen Beigeschmack schnäuzte.

Doch als er das Taschentuch 

aus seiner Hand beiseite legte, 

er sich fürchterlich beim Anblick, 

ihres erneuten Falles erregte.

„Das darf doch nicht real sein, 

du kleiner wankelmütig Knecht,

dich umzuwerfen dazu habe nur ich, 

dein Herr und Meister, das hoheitsvolle Recht.“           

Das Kammerspiel wiederholte und wiederholte 

sich, den halben Nachmittag.

Er stellte sie auf, sie fiel um, so dass der Herr, 

ermüdet und genervt aufgab.

Bis zur weiteren Klärung packte er sie 

an ihrem metallischen Schlafittchen

und warf sie in die Dunkelheit, 

eines Arrest-Schuhkarton-Kittchens.

Am nächsten Tag die Figur 

fand immer noch nicht ihren festen Stand.

Vor lauter Zorn ballte sich blutleer, 

des Meisters faltig und knochig Hand.

Dann, nach vielen Tagen und Nächten, 

kam dem Selbstgerechten die Idee,

bevor sein Krieger beim aufmarschieren mutlos fällt, 

wird der Soldat lieber an die Verrätermauer gestellt.

Da dürfte er vor dem Erschiessungskommando, 

gerne feige seinen Geist aushauchen

und während dieser disziplinarischen Lektion, 

die Musketen auf dem Schlachtplatz rauchen.

Eine kleine Mauer er am Abend davor, 

eifrig doch akribisch erbaute.

Vor sie gestellt die standhaftesten Musketiere, 

denen er in ihrem Eid vertraute.

Der Tyrann vor der Hinrichtung, sich schon gebannt fragte, 

wie die Figur sich wohl unterwürfig, auf die Knie beuge?

Ja, auf diese Exekution, freute sich feurig,  

der erbarmungslose Richter und ungeduldige Zeuge.

Mit zwei Fingern hielt er sie fest an der Mauer 

und ließ sie in seiner Todesorder los.

Doch was nun geschah, kein Fall war, 

darum machte kalte Erstarrung sich in ihm groß.

Kein Wippen und Kippen, 

er wollte sie so gerne in den Schmelzkessel schnippen,

aber leider vor dem kleinen Rebellen, 

seine Finger so zitterten, wie frierende Lippen.

Denn zum zweiten Male entschied sie sich, 

stehen zu bleiben, wurde ihre Pflicht.

Ungläubig mit versteinerten, entgeisterten Zügen in seinem Gesicht, 

der alte Herr flehte: 

„Oh bitte, dieses Feigherz richt“ 

Doch sie stand aufrecht, ihre Brust vor ihm felsenfest, 

unbeugsam voller Mut erhoben,

durch den Kriegstreiber Hilflosigkeit und Unvermögen, 

im Wechselspiel laut tobten.

Gewissenlose Wut und jämmerliche Not, 

verfärbten seinen ganzen Kopf, violet und scharlachrot.

So innig er sich doch wünschte, 

seinen heroisches und siegreiches Geheiß, für ihren Tod.

Aber nun musste er zweifeln, 

an seinem despotischen Blick,

denn dieser kleine Lakai, stellte in Frage, 

sein tyrannisches Geschick.

Wie ein kleines Wunder stand unverzagt, 

vor dem Diktatoren, völlig frei und aufrecht, der Zinnsoldat.

Und bewies, das niemals mehr in einem Gefecht,

er werden wird sein Knochenknecht.

Wie viele Haare der Nichtgewalthaber, 

hatte vor Machtlosigkeit, sich auch ausgerissen,

den  kleinsten aller Meuterer, selbst nach Stunden, 

kein Ungleichgewicht, hatte zu Boden geschmissen.

Du guter kleiner, couragiert stehender Zinnsoldat, 

du verweigertest dich dem Kriegsapparat,

du drehtest selbst an deinem Schicksalsrad 

und vollendetest die autonome Tat.

Der alte Herr und ignorante selbsternannte Meister, 

gab sein Hobby grimmig auf,

denn eine ihm unbekannte Macht, 

bestimmte den Ablauf.

Alle Figuren, bis auf  die Eine, waren in Kartons und Kisten 

verstaut und verstaubt,

denn diese Eine zu berühren, hat die entmachtete zitternde Hand, 

sich nie mehr getraut.

Auch blieb die widerspenstige Figur scheinbar, 

in dem umstürzenden Treiben nur stumm,

so war es doch der stimmlose Freiheitsruf, 

das sie zuerst und dann nicht mehr fiel um;

Wenn einmal unsere Ideale, 

werden hinter Augenbinden gefesselt und gezwängt,

ja sogar ein Todestribunal, unsere Freiheit der Herzen, 

mit Furcht und Leid bedrängt.

Es sind die fessellosen Entscheidungen, 

die uns zum Dissidenten Menschen adaptieren.

Jeder hält es in der eigenen Hand, 

zügellos im passiven Widerstand, denkwürdig und friedsam,

weiter zu existieren.